Kind: Ja oder nein - mutterseelenallein? Veröffentlicht am 03. September 2009
Gastkommentar in "Die Presse" vom 3. September 2009
Wir brauchen flankierende Maßnahmen zur Fristenlösung. Eine entsprechende Petition liegt auf Faymanns Schreibtisch.
Österreich ist nach wie vor eines der reichsten Länder der Welt – trotzdem wird das „Ja zum Kind“ immer leiser. Wir leiden nicht an Überalterung, sondern an „Unterjüngung“, wie Paul Zulehner so treffend formulierte. Alle aktuellen Untersuchungen bringen das gleiche Ergebnis: Der Kinderwunsch ist wesentlich größer als die Realisierung. Verderben wir jungen Leuten ihre Lust auf Kinder? Wo gibt es neben Umweltbewusstsein und Gender Mainstreaming ein gesamteuropäisch selbstverständliches Family Mainstreaming als Bewusstsein, wie wichtig Familien für die Zukunft Europas sind?
Medien und Politik sind hier zur Verantwortung zu ziehen: Kinder als Kostenfaktoren und Karrierekiller, Scheidungen als Selbstverständlichkeit, Gewalt in den Familien, alkohol- und drogenbelastete Jugendliche ohne Jobaussichten prägen die öffentliche Meinungsbildung – wer redet davon, dass es tausendfach heiß ersehnt und wunderschön ist, Kinder ins Leben zu begleiten, dass Kinder für die meisten Eltern sichtbar gewordene Liebe sind?
Patchwork ist nicht Normalität
Bei allem Respekt vor unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens sollte daher die Ehe keinesfalls finanziell diskriminiert werden. Kinder sind die ersten und größten Opfer, wenn die Liebe ihrer Eltern zerbricht. Dies hat vielfältige Folgen, wie im „Profil“ vom 3. August dieses Jahres ausführlich dargestellt: „Der Kinderarzt Thomas Reinehr von der deutschen Privatuniversität Witten-Herdecke referierte eine Unzahl von Studien, Kinder am Dickwerden zu hindern ... Am wirksamsten erwies sich die Maßnahme, Cola-Automaten aus den Schulen zu verbannen und stattdessen optisch attraktive Wasserspender aufzustellen ... Übertroffen wurde dieser Effekt nur noch von einem Phänomen: Die Kinder bleiben schlank, wenn ihre Eltern zusammenbleiben... “ Lehrer können ein Lied davon singen, wie sehr Kinder unter der Trennung ihrer Eltern leiden.
Doch was investieren wir ins Gelingen von Beziehungen? Lernen wir doch von der Wirtschaftspolitik! Vielfältig wird möglichst frühzeitig informiert und unterstützt, damit möglichst viele Unternehmen möglichst lange florieren – selbstverständlich müssen auch Konkurse bewältigt und Neugründungen erleichtert werden, doch werden sie niemals zur Norm erklärt! Alleinerzieher- und Patchworkfamilien gehören zur Lebensrealitiät und verdienen jede notwendige Unterstützung – sie aber als modern und besonders erstrebenswert darzustellen verfälscht die Ursache, nämlich das Zerbrechen der Liebe von Vater und Mutter füreinander. Tatsächlich ist neben finanzieller Sicherheit und struktureller Rahmenbedingungen die Ressource Zeit von entscheidender Bedeutung – Zeit, die Paare miteinander genießen, damit die Liebe lebendig bleibt. Denn nur die Liebe ist der Kitt, der die Familie im 21. Jahrhundert zusammenhält – Gott sei Dank nicht mehr, wie früher, in erster Linie finanzielle Abhängigkeit und gesellschaftliche Konvention.
Verantwortungsvolle Paarbeziehung
Eine liebevolle, verantwortungsbewusste, verlässliche und auf Dauer angelegte Partnerbeziehung ist für die meisten Frauen der Hauptgrund, „Ja zum Kind“ zu sagen. Wie oft erleben wir die gemeinsame Vorfreude junger Eltern, wenn sie das erst Ultraschallbild von ihrem Kind herzeigen! Doch manche Politikerinnen reagieren wie von der Tarantel gestochen, wenn sie das Bild oder gar ein Modell eines zwölf Wochen alten Embryos sehen – da darf man plötzlich nicht mehr von einem Kind, sondern höchstens von einem Zellhaufen reden – der aber schon deutlich erkennbar Kopf, Arme und Beine hat und unzweifelhaft ein kleiner Mensch ist!
Abtreibung geschieht jedes Jahr vieltausendfach – und ist nach wie vor ein Tabuthema. Es ist ein Gebot der Stunde, Frauen im Schwangerschaftskonflikt nicht mutterseelenallein zu lassen. Viele bedauern nach einer Abtreibung diesen Schritt ein Leben lang. Viele Frauen, die abgetrieben haben, beklagen neben der fehlenden Mitverantwortung ihres Partners die mangelnde Information über mögliche Hilfen und den Zeitdruck, unter dem sie gestanden sind. Deshalb habe ich im Mai dieses Jahres im Grazer Gemeinderat eine Petition an die österreichische Bundesregierung formuliert, die mehrheitlich beschlossen wurden und nun auf dem Schreibtisch des Bundeskanzlers liegt: Der Bundesgesetzgeber möge folgende flankierende Maßnahmen zur Fristenregelung einführen:
- Die Verpflichtung des Arztes, bei Feststellen einer Schwangerschaft auf kostenlos und anonym verfügbare psychosoziale Beratungsangebote für Frauen im Schwangerschaftskonflikt hinzuweisen.
- Die Verpflichtung des Arztes, der Frau eine Broschüre auszuhändigen, in der alle Beratungsangebote sowie finanziellen Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten aufgelistet sind.
- Die Festsetzung einer Bedenkzeit von mindestens drei Tagen nach Aushändigung der Broschüre.
Es ist höchste Zeit, diese flankierenden Maßnahmen umzusetzen! Denn Kinderlachen ist Zukunftsmusik!
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